Anamnese

Die naturheilkundliche Anamnese …

unterscheidet sich in ihren Schwerpunkten und ihrer Individualität wesentlich von der geläufigen schulmedizinischen Diagnostik. Ohne technische Hilfsmittel und ohne den Körper zu verletzen wird hier nahezu jedes beschriebene oder beobachtete Symptom, Verhalten oder Merkmal zur Beurteilung des Gesamtzustandes herangezogen. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass selbst kleine Ungewöhnlichkeiten relevant sind. Sie können ein Hinweis sein, wo im Körper etwas nicht im Gleichgewicht ist. Dabei handelt es sich um sogenannte Fülle- bzw. Leerezustände. Diese Abweichungen gilt es herauszufinden, zu analysieren und mit den zuvor beschriebenen Methoden auszugleichen. Somit wird eine Harmonisierung der Körperfunktionen erreicht und Genesung mit Hilfe der Selbstheilungskräfte kann eintreten.

Idealerweise wird so eine Erkrankung verhindert bevor sie ausbricht. Der Körper zeigt meist frühzeitige Reaktionen im Vorfeld schwererer Symptome. In diesem Stadium ist es leicht, eine Behandlung durchzuführen und Schlimmeres zu verhindern. Die westliche Schulmedizin hingegen entdeckt häufig erst die Folgen einer bereits voll ausgebrochenen Erkrankung. Dies ist für den Menschen sehr kräftezehrend und der Heilungsprozess ist langwierig. Im Durchschnitt finden die Patienten erst nach sieben Jahren des Leidens zur Naturheilkunde und sind dann bereits erschöpft und oft durch eine Vielzahl von Medikamenten oder Operationen geschädigt oder zumindest belastet. Symptome wurden bis dahin meist nur unterdrückt. Eine Erforschung der Ursachen ist normalerweise nicht erfolgt.

Trotz all dieser negativen Aspekte betone ich, dass die Erkenntnisse der Schulmedizin von großer Bedeutung bei Erkrankungen sind (Apparate-Diagnostik, Chirurgie,  etc.). Es ist von Vorteil, sich auch diesen Möglichkeiten vertrauensvoll zu öffnen und sie in die Behandlung einzubeziehen. Beide Systeme, die Naturheilkunde und die Schulmedizin, können sich hervorragend ergänzen und dürfen nicht in einen Wettstreit gegeneinander treten. Was am Ende notwendig ist muss in einem offenen kritischen Dialog zwischen Ärzten, Heilpraktikern, Therapeuten und Patienten herausgestellt und entschieden werden. Schließlich kann der Heilungsprozess nur von Kompetenz, innerer Bereitschaft und der wohlwollenden Kraft aller Beteiligten ausgehen und zum Erfolg führen.

Dabei spielt die umfangreiche Befragung zu Beginn eine zentrale Rolle. Ergänzung und Bestätigung finden sich schließlich durch die Pulsdiagnose, die Zungendiagnose und die Betrachtung vieler weiterer Merkmale (z.B. Ohren, Augen, Nägel, Wirbelsäule etc.). Die Befragung umfasst ein großes Spektrum an Gewohnheiten des täglichen Lebens (Ernährung, Schlaf, Beruf, …), die vollständige Krankheitsgeschichte, soziale und emotionale Gegebenheiten, usw. …

Pulsdiagnose Ertastung der Pulsqualität an sechs verschiedenen Stellen am Handgelenk. Jeder Position ist ein Organ (Wandlungsphase) zugeordnet, deren Fülle- oder Leerezustand hier erkennbar wird. Dabei gibt es Leitkriterien, wie Yin/Yang, Fülle/Leere, Hitze/Kälte, … Die Beschreibung der sog. Wandlungsphasen erfolgt nach der Lehre der Fünf Elemente der Chinesischen Medizin.

ZungendiagnoseBetrachtung der Zunge. Beurteilt werden: Veränderungen der Oberfläche (Form, Farbe, Belag, …), Beweglichkeit und Bewegung, … Bestimmte Bereiche der Zunge lassen sich wiederum Organen zuordnen.

Die Diagnostik in der Naturheilkunde ist ein kontinuierlicher Prozess, welcher sich während der Behandlung fortsetzt und über die gesamte Dauer der Therapie erstreckt. Die Vielzahl der körperlichen Reaktionen gibt ständig weiteren Aufschluss über das Individuum und bestimmt somit den weiteren Behandlungsverlauf. Es kann also passieren, dass die angewandte Methode mehrfach, und sogar während einer Sitzung, abgewandelt wird. Dies ist kein Zeichen von Unsicherheit sondern viel mehr ein flexibles Reagieren auf sich ändernde Gegebenheiten während des individuellen Heilungsprozesses.

Trotzdem ist jeder Patient aufgerufen, die Methoden kritisch zu hinterfragen und sich selbst genauestens zu beobachten. Für den Erfolg ist eine präzise und offene Reflektion des eigenen Befindens durch den Patienten von größter Bedeutung. Nur so kann der Behandler entsprechend seines Erfahrungsschatzes den richtigen Zeitpunkt für einen therapeutischen Reiz auswählen und ihn adäquat setzen.